Ricarda Huch (1864-1947) zwischen persönlichen Krisen und politischem Mut
- 29. Apr.
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Aktualisiert: 7. Mai

Ricarda Huch wurde am 18. Juli 1864 in Braunschweig geboren. Sie wuchs in einer gebildeten Familie auf und zeigte schon früh großes Interesse an Literatur, Geschichte und Philosophie. Schon als junges Mädchen war sie neugierig, wollte verstehen und hinterfragte vieles. Doch als Frau im 19. Jahrhundert hatte sie nicht die gleichen Möglichkeiten wie Männer, weshalb ihr Weg zur Bildung und Selbstverwirklichung kein einfacher war.
Mit 19 Jahren erlebte sie eine sehr schwierige persönliche Situation: Sie verliebte sich in den Ehemann ihrer älteren Schwester Lilly, den 14 Jahre älteren Cousin Richard Huch. Diese Beziehung war für sie belastend und kompliziert. Nach der Geburt des dritten Kindes von Lilly und Richard entschied sie sich, aus diesem Umfeld herauszutreten und ihren eigenen Weg zu gehen. Sie ging in die Schweiz, um dort in Zürich Geschichte, Philologie und Philosophie zu studieren. In dieser Zeit entwickelte sie auch Sympathien für den Sozialismus.
Im Jahr 1891 schloss sie ihr Lehramtsstudium mit Diplom ab und legte zugleich ihre Doktorprüfung ab. Damit wurde sie zu einer der ersten Frauen mit einem Doktortitel. Das war ein außergewöhnlicher Erfolg und zeigte, wie entschlossen und klug sie war. Nach der Promotion verdiente sie ihr eigenes Geld und blieb zunächst weiterhin mit Richard Huch in Kontakt. Die beiden trafen sich manchmal sogar an Wochenenden, obwohl ihre Beziehung kompliziert blieb.
Ab 1896 hielt Ricarda Huch Vorträge am neu gegründeten Lyzeum für erwachsene junge Frauen in Bremen. Dort beschäftigte sie sich intensiver mit der Epoche der Romantik und entwickelte daraus ihr Interesse an der Neuromantik. Sie begann also nicht nur über Geschichte zu schreiben, sondern auch über geistige Strömungen und die seelische Tiefe vergangener Epochen nachzudenken.
Schließlich brach sie 1897 mit Richard Huch und zog von Bremen nach Zürich. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann kennen, den italienischen Zahnarzt Ermanno Ceconi. Im Jahr 1898 heirateten die beiden in Wien, und danach zog die Familie nach Triest. 1899 wurde ihre Tochter Marietta geboren.
Im Jahr 1902 zog Ricarda Huch mit ihrer Familie nach München. Dort erhielt sie Zugang zu den Künstlerkreisen der Münchner Bohème. Auch die Familie Mann gehörte zu den Patienten in Ceconis Zahnarztpraxis. Ricarda selbst blieb diesen Kreisen gegenüber eher distanziert. In dieser Zeit besuchte auch Käthe Huch, die dritte Tochter von Lilly und Richard, die Familie. Ceconi verliebte sich in Käthe und wollte sich von Ricarda trennen. Daraufhin nahm Ricarda wieder Kontakt zu Richard Huch auf, der ebenfalls von Lilly für einen deutlich jüngeren Mann verlassen worden war. Im Jahr 1905 traf Ricarda wieder auf Richard, 1906 ließ sie sich von Ceconi scheiden, und 1907 heiratete sie Richard Huch erneut. Danach zog sie wieder nach Braunschweig zurück.
Diese Rückkehr verlief jedoch nicht einfach. Wegen ihrer Beziehungsskandale wurde sie in Braunschweig nicht überall akzeptiert. Auch die Ehe mit Richard war schwierig, weil er sich über Ricardas Verhältnis zu ihrer Tochter beschwerte. Die Spannungen wurden immer größer, sodass es 1910 zur Trennung und 1911 zur Scheidung kam.
Nach der Trennung zog Ricarda Huch mit ihrer Tochter erneut nach München. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ging sie dann wieder nach Zürich, bevor sie 1918 nach München zurückkehrte. Dort kam sie erneut mit Ermanno Ceconi zusammen. In den folgenden Jahren lebten sie zeitweise in München und Triest.
Im Jahr 1926 wurde Ricarda Huch als erste Frau in die neu gegründete Sektion für Dichtkunst der Akademie der Künste aufgenommen. Das war ein bedeutender literarischer und gesellschaftlicher Erfolg. Ende 1921 war Ceconi jedoch gestorben. Danach zog Ricarda mit ihrer Tochter nach Berlin, wo sie unter anderem die Künstlerin Käthe Kollwitz kennenlernte.
Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen und die Akademie gleichschalteten, trat Ricarda Huch aus der Akademie der Künste wieder aus. Sie war eine der wenigen Schriftstellerinnen, die nicht emigrierten, sondern im Deutschen Reich blieben und das Regime offen kritisierten. Diese Haltung machte sie zu einer mutigen und unangepassten Stimme ihrer Zeit. Immer wieder wurde sie festgenommen und stundenlang verhört, weil sie sich nicht beugen wollte.
Im Jahr 1944 nahm sie den Wilhelm-Raabe-Preis an, der mit 30.000 Reichsmark dotiert war. Ihren 80. Geburtstag empfand sie dabei nicht als Anlass zur Freude, sondern fast als Katastrophe, weil sie die politischen Verhältnisse und die Vereinnahmung durch das Regime als bedrückend empfand.
Nach dem Sieg der Alliierten setzte sich Ricarda Huch für die Aufarbeitung der Schuld ein und sprach sich auch für eine klare Haltung zur Schuldenpflicht aus. Sie blieb bis zuletzt eine Frau mit starkem moralischem Bewusstsein, großer geistiger Unabhängigkeit und dem Willen, Verantwortung zu übernehmen.
Ricarda Huch starb am 17. November 1947 in Schönberg im Taunus an einer Lungenentzündung. Sie hinterließ ein bedeutendes literarisches Werk und das Bild einer Frau, die trotz vieler persönlicher Krisen, gesellschaftlicher Hindernisse und politischer Bedrohungen ihren eigenen Weg gegangen war.
Romane:
Literatur
Katharina Herrmann: Dichterin und Denkerinnen, Philipp Reclam jun. Verlag GmbH 2020
Ute Hechtfischer, Renate Hof, Inge Stephan, Flora Veit-Wild hrsg. Metzler Autorinnen Lexikon Verlag J.B. Metzler 1998
Gisela Brinker-Gabler hrsg. Deutsche Literatur von Frauen. Zweiter Band 19. Und 20. Jahrhundert C.H. Beck München 1988