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"Halbtier!" von Helene Böhlau

  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

In ihrem eindrucksvollen, provokanten Roman beleuchtet Helene Böhlau auf radikale Weise die Missachtung der Frau im wilhelminischen Zeitalter. Der 1899 veröffentlichte realistische Roman gilt als das literarische Erlebnis des Jahres.

 

Die Hauptfigur, die 17-jährige Isolde Frey, ist die jüngste Tochter des Schriftstellers und sogenannten Allerweltsmanns Dr. Heinrich Ewald Frey – ein echter Frauenverächter. Im Gegensatz zu ihrer braven älteren Schwester Marie ist Isolde freiheitsliebend und künstlerisch begabt. Sie ist das einzige weibliche Familienmitglied, das sich zu Beginn des Romans gegen ihren Bruder Karl erhebt, der bereits wie sein Vater absolut respektlos mit der Mutter umgeht.

 

Die Handlung erstreckt sich über einen Zeitraum von zehn Jahren und beinhaltet zwei zentrale Zeitsprünge von jeweils fünf Jahren. Zu Beginn befinden wir uns in München in der Wohnung der Familie Frey, wo Isolde gespannt den Ausgrabungen einiger Skelette vor ihrem Haus zusieht. Als die Arbeiter verschwunden sind, schleicht sie sich heimlich nach draußen und nimmt einen Totenkopf mit, den sie zum Leidwesen ihrer Schwester in ihrem Zimmer auf einem Podest platziert. Den Schädel hat sie gewählt, weil er sie an den charmanten Maler Henry Mergenson erinnert, den sie bei einer Gesellschaft getroffen hat und für den sie eine große Zuneigung empfand. Hätte ihr Vater, der Patriarch, das gewusst! Stattdessen hält er es aus religiösen Gründen für vertretbar, den Totenkopf in ihrem Zimmer zu belassen – sehr zum Missfallen von Marie und der Mutter. In den Augen des Vaters zählen Frauen nichts; sie sind nur zum Heiraten und zur Kindergeburt bestimmt. Seine Frau behandelt er respektlos und herabwürdigend. Da wundert es nicht, dass Isolde der Lehrerinnenausbildung beraubt bleibt. Der Plan ist sie soll „heiraten, Weib sein“. Der Vater meint „das Weib ist eben Weib. Wenn’s net Weib genug ist, um nur Weib zu sein, soll man’s totschlagen!“1

 

Auf einer seiner Reisen nimmt er sowohl Marie als auch Isolde mit nach Starnberg zu der wohlhabenden, aus England stammenden Witwe eines Deutschen, Mrs. Wendland. Im Gegensatz zu den deutschen Frauen verkörpert sie eine emanzipierte Persönlichkeit. Der Vater möchte seine Töchter in den Salon der schönen und reichen Witwe einführen. Zu ihrer großen Überraschung treffen sie dort auf den bewunderten Künstler Henry Mergenson und eine junge Frau namens Lou, die später zu einer engen Freundin Iso vldes wird.

 

Die Gesellschaft beschließt, Herrn Mergenson im Atelier aufzusuchen. Dort fällt ein Relief ins Auge, das der Künstler von Frau Wendland geschaffen hat, indem er sie als eine Art Sphinx – halb Tier, halb Mensch – darstellt. Dieses Abbild missfällt der selbstbewussten Mrs. Wendland, die es nur akzeptiert, wenn der Künstler sich selbst ebenfalls als halb Mensch, halb Tier darstellt. Diese Darstellung einer Frau spiegelt die Haltung des männlichen Geschlechts in dieser Zeit wieder die das weibliche herabwürdigen und als hals Tier halb Mensch ansehen.

 

Im weiteren Verlauf zeigt Herr Mergenson Interesse an Isolde, geschmeichelt von ihrer Bewunderung. Ein Kuss zwischen den beiden lässt Isolde glauben, dass sie in einer Beziehung stehen. Doch bald muss sie sich einer tiefen Enttäuschung stellen und ihr Leben grundlegend umkrempeln.

 

Die Geschichte entfaltet sich zu einem dramatischen Höhepunkt, der von sexueller Belästigung, Mord und Tod geprägt ist. Verstrickungen und Konflikte nehmen zu und beeinflussen das Schicksal der Protagonisten auf tiefgreifende Weise.

 

Gerade in der heutigen Zeit ist der Roman von großer Bedeutung, da er nicht nur die historischen Missstände beleuchtet, sondern auch zeitlose Themen wie Geschlechtergerechtigkeit, soziale Rollen und individuelles Empowerment anspricht. Isoldes Kampf um ihre Identität und Freiheit ist ein kraftvoller Appell für alle.

 

In einer Welt, in der Fragen der Gleichstellung und der weiblichen Selbstbestimmung weiterhin relevant sind, lädt Böhlau uns ein, über die Herausforderungen nachzudenken, mit denen wir noch immer konfrontiert sind. Durch Isoldes Geschichte wird uns bewusst, dass die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und der Wunsch nach Selbstverwirklichung keine neuen Phänomene sind, sondern tief in unserer Geschichte verwurzelt sind. All das macht diesen Roman zu einem wichtigen Werk, das auch heute noch gelesen werden sollte.



  1. Helene Böhlau: Halbtier! Henricus-Edition Deutsche Klassik GmbH, S. 13

 
 
 

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